AdditiveTalk #04 · Fabian Schuster

HP Multi Jet Fusion in der Praxis: Wo industrieller 3D-Druck heute wirklich Sinn macht

Wo steht industrieller 3D-Druck heute wirklich? Arthur Kopp besucht HP in Barcelona und spricht mit Fabian Schuster über reale MJF-Anwendungen, Serienfertigung, Konstruktion, Materialien und die Frage, wann additive Fertigung gegenüber klassischen Verfahren tatsächlich einen Vorteil schafft.

Gast: Fabian Schuster HP Additive Manufacturing Solutions Barcelona · Multi Jet Fusion
Fabian Schuster von HP bei AdditiveTalk in Barcelona
Folge #04Fabian Schuster · HP

MJF zwischen Serienfertigung und realer Anwendung

Robotergreifer, Orthesen, Automotive-Bauteile und Consumer-Produkte zeigen, wo Multi Jet Fusion heute bereits produktiv eingesetzt wird.

  • Multi Jet Fusion
  • Serienfertigung
  • PA12
  • Design for AM
Diese Seite gehört zu einer Podcastfolge. Arthur ist bei HP in Barcelona – hör oder sieh dir die komplette Folge direkt an.
Worum geht es?

Im HP-Showroom in Barcelona stehen Arthur und Fabian zwischen zahlreichen Bauteilen, die bereits heute mit HP Multi Jet Fusion hergestellt werden. Genau diese Anwendungen bilden den roten Faden der Folge.

Fabian unterstützt als Application Engineer Kunden im DACH-Raum und beschäftigt sich täglich damit, wie sich Anwendungen, Konstruktionen und Materialien so auslegen lassen, dass MJF technisch und wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt werden kann.

Arthur betrachtet das Thema aus Sicht eines Praktikers und 3D-Druck-Dienstleisters. Ihn interessiert nicht allein, ob etwas druckbar ist. Entscheidend ist, ob ein Produkt oder Prozess durch additive Fertigung tatsächlich besser wird.

Themen der Folge

Wo MJF heute bereits echten Mehrwert schafft

Die Folge ist weniger Technologievorstellung als Rundgang durch aktuelle industrielle Anwendungen – von Maschinenbau und Robotik über Medizintechnik bis hin zu Automotive und Consumer-Produkten.

01

Multi Jet Fusion verstehen

Was unterscheidet MJF von klassischen Pulverbettverfahren und warum eignet sich das Verfahren für funktionale Bauteile?

02

Industrie & Robotik

Greifer, Werkstückträger, Vorrichtungen und integrierte Luftführungen zeigen den Nutzen im Maschinenbau.

03

Individualisierung

Orthesen, Prothesen und Consumer-Produkte profitieren von digitalen Geometrien und kundenspezifischer Fertigung.

04

Wirtschaftlichkeit

Kleinserien, Varianten, Werkzeugkosten und On-Demand-Fertigung entscheiden darüber, wann MJF interessant wird.

01 · Technologie & Prozess

Was macht HP Multi Jet Fusion besonders?

Eine der ersten Fragen, die Arthur stellt, begegnet auch vielen Unternehmen, die sich erstmals intensiver mit pulverbasiertem 3D-Druck beschäftigen: Ist Pulverbett-3D-Druck nicht im Grunde immer das Gleiche?

Fabian erklärt deshalb zunächst den Prozess. Beim Multi Jet Fusion wird Kunststoffpulver schichtweise aufgetragen. Anschließend kommen flüssige Agents zum Einsatz. Ein Fusing Agent beeinflusst gezielt das Verschmelzen des Materials, während ein Detailing Agent die Randbereiche definiert und damit Kontur und Detailauflösung beeinflusst.

Arthur Kopp und Fabian Schuster sprechen über HP Multi Jet Fusion

Für industrielle Anwendungen ist vor allem das Ergebnis entscheidend. MJF ermöglicht mechanisch belastbare Bauteile mit weitgehend gleichmäßigen Eigenschaften in unterschiedlichen Raumrichtungen und verbindet dies mit einer hohen Produktivität.

Damit wird schnell deutlich, warum Multi Jet Fusion längst nicht nur für Prototypen eingesetzt wird. Die Technologie eignet sich besonders dort, wo funktionale Kunststoffbauteile wirtschaftlich, reproduzierbar und ohne klassisches Formwerkzeug hergestellt werden sollen.

Der eigentliche Vorteil entsteht nicht allein durch das Druckverfahren. Er entsteht dann, wenn Konstruktion und Anwendung die Möglichkeiten der additiven Fertigung wirklich nutzen.

Das kann beispielsweise über Gewichtsreduzierung, Funktionsintegration, Individualisierung, kurze Lieferzeiten oder den Wegfall eines klassischen Werkzeugs geschehen.

Passend zum Podcast · KIT3D

HP Multi Jet Fusion bei KIT3D

Bei KIT3D nutzen wir MJF für funktionale Kunststoffbauteile, Prototypen, Kleinserien und Serien. Material, Bauteilgeometrie, Stückzahl und Nachbearbeitung werden passend zur Anwendung betrachtet.

MJF 3D-Druck Service ↗
02 · Maschinenbau & Robotik

Vom Werkstückträger bis zum Robotergreifer

Besonders greifbar wird die Folge dort, wo Arthur und Fabian die einzelnen Bauteile direkt in die Hand nehmen. Viele erfolgreiche industrielle 3D-Druck-Anwendungen sehen auf den ersten Blick gar nicht spektakulär aus – ihr Mehrwert steckt in der Funktion.

Fabian Schuster zeigt MJF-Bauteile aus Maschinenbau und Robotik

Werkstückträger, sogenannte Pucks, Greifer, Vorrichtungen und Bauteile für automatisierte Produktionsanlagen gehören zu den Anwendungen, bei denen additive Fertigung heute besonders nachvollziehbar wird.

Bei einem Robotergreifer spielt beispielsweise jedes Gramm bewegte Masse eine Rolle. Schwerere Komponenten bedeuten höhere Trägheit, mehr Energiebedarf und eine stärkere Belastung des gesamten Systems. Additive Strukturen können gezielt leichter ausgelegt werden.

Gleichzeitig lassen sich Funktionen integrieren, für die zuvor mehrere Einzelteile notwendig waren. Luftführungen oder Vakuumkanäle können direkt innerhalb eines Bauteils verlaufen. Das kann Montageaufwand reduzieren und die Konstruktion vereinfachen.

Gewicht reduzieren

Weniger bewegte Masse kann Dynamik, Energiebedarf und Belastung automatisierter Systeme verbessern.

Funktionen integrieren

Kanäle, Befestigungen und weitere Funktionen können direkt in ein Bauteil integriert werden.

Verfahren kombinieren

MJF, CNC, Carbon und klassische Komponenten können gemeinsam die bessere Gesamtlösung ergeben.

Arthur und Fabian zeigen genau diese hybride Denkweise an einem Greifer, bei dem Carbonplatten, gefräste Komponenten und MJF-Bauteile miteinander kombiniert werden. Jedes Verfahren übernimmt die Aufgabe, für die es am besten geeignet ist.

3D-Druck muss konventionelle Fertigung nicht ersetzen. Oft ist die Kombination verschiedener Verfahren die technisch bessere Lösung.
03 · Medizintechnik & Consumer

Wenn jedes Produkt ein bisschen anders sein muss

Orthesen, Prothesen, Schuhe oder Brillen zeigen eine andere Stärke der additiven Fertigung: individuelle Geometrien lassen sich herstellen, ohne für jede Variante ein eigenes Werkzeug zu bauen.

Individuelle MJF-Anwendungen aus Orthopädie, Medizintechnik und Consumer-Produkten

In der Orthopädietechnik trifft diese Stärke direkt auf die Anwendung. Jeder Mensch ist unterschiedlich. Körperbereiche können digital erfasst, am Computer angepasst und anschließend additiv gefertigt werden.

Damit verändert sich nicht nur das einzelne Bauteil, sondern die gesamte Prozesskette. Scan, Konstruktion, Software, Materialauswahl, Druck und Nachbearbeitung greifen ineinander. Der 3D-Drucker selbst ist nur ein Teil des Workflows.

01Geometrie oder Körperbereich digital erfassen.
02Individuelle Form am Computer konstruieren und anpassen.
03Material und Fertigungsprozess passend zur Anwendung auswählen.
04Bauteil fertigen und über die passende Nachbearbeitung finalisieren.

Bei Consumer-Produkten kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Dem Endkunden ist zunächst egal, mit welcher Fertigungstechnologie ein Produkt hergestellt wurde. Er möchte ein besseres Produkt.

Der Mehrwert des 3D-Drucks muss deshalb über Passform, Design, Individualisierung, Funktion oder Performance entstehen. Die Technologie selbst ist kein Verkaufsargument, wenn das fertige Produkt dadurch nicht besser wird.

Wie dieser Workflow im Sanitätshaus konkret aussieht, zeigt die Folge #05 zur Orthopädietechnik.

04 · Serienfertigung & Business Case

Wann lohnt sich industrieller 3D-Druck wirklich?

Ob sich MJF lohnt, lässt sich nicht allein an einer festen Stückzahl festmachen. Entscheidend ist das gesamte wirtschaftliche Umfeld eines Bauteils.

Arthur Kopp und Fabian Schuster sprechen über die Wirtschaftlichkeit von industriellem 3D-Druck

Bauteilgröße, Geometrie, Material, Nachbearbeitung, Bauraumauslastung und Lieferzeit spielen ebenso eine Rolle wie Werkzeugkosten, Änderungswahrscheinlichkeit oder der spätere Ersatzteilbedarf.

Gerade im Vergleich zum Spritzguss reicht es deshalb nicht, nur den Stückpreis zu betrachten. Ein Werkzeug muss konstruiert, gefertigt, in Betrieb genommen und über Jahre vorgehalten werden. Ändert sich das Bauteil später oder werden nur noch wenige Ersatzteile benötigt, kann diese Struktur zusätzliche Kosten erzeugen.

Bei additiver Serienfertigung bleibt das Bauteil dagegen digital verfügbar. Es kann bei Bedarf erneut produziert und bei Änderungen direkt in einer neuen Version gefertigt werden. Deshalb sprechen Arthur und Fabian auch über On-Demand-Fertigung, digitales Ersatzteilmanagement und flexible Produktion.

Kleinserie

Interessant, wenn Werkzeugkosten im Verhältnis zur benötigten Stückzahl zu hoch werden.

Varianten

Digitale Produktion erleichtert unterschiedliche Versionen und spätere Konstruktionsänderungen.

On-Demand

Bauteile können digital vorgehalten und bei tatsächlichem Bedarf erneut gefertigt werden.

Damit verändert sich auch die zentrale Frage. Sie lautet nicht mehr nur: „Kann dieses Bauteil gedruckt werden?“ Viel wichtiger ist: „Wird unser Produkt oder unser Prozess durch additive Fertigung besser?“

MJF Serienfertigung · KIT3D

Vom Einzelteil bis zur reproduzierbaren Serie

HP Multi Jet Fusion eignet sich für funktionale PA12-Bauteile, Kleinserien und wiederkehrende Serien. Entscheidend sind Bauteilgeometrie, Stückzahl, Qualität, Nachbearbeitung und der Vergleich mit alternativen Fertigungsverfahren.

Serienfertigung bei KIT3D ↗
05 · Rückblick

Was Arthur aus dem Gespräch mit Fabian Schuster mitnimmt

Nach mehr als einer Stunde mit unterschiedlichsten Anwendungen bleibt vor allem eine Erkenntnis: Industrieller 3D-Druck ist dann besonders stark, wenn nicht die Technologie selbst, sondern die konkrete Anwendung im Mittelpunkt steht.

Arthur Kopp und Fabian Schuster bei der AdditiveTalk-Aufnahme bei HP

Genau deshalb stellt Arthur im Gespräch immer wieder die Fragen, die auch in realen Kundenprojekten entscheidend sind: Welche Stückzahl ist sinnvoll? Welches Material passt zur Anwendung? Muss die Oberfläche nachbearbeitet werden? Kann Gewicht eingespart oder können mehrere Funktionen in einem Bauteil zusammengeführt werden?

Und vor allem: Ist 3D-Druck hier tatsächlich die beste Lösung oder wäre ein konventionelles Fertigungsverfahren sinnvoller?

Dadurch wird die Folge nicht zu einer reinen Präsentation der HP Multi Jet Fusion Technologie. Sie zeigt vielmehr, wie Unternehmen additive Fertigung heute betrachten können: Robotergreifer werden leichter und funktionaler, Luftführungen können integriert werden, Orthesen lassen sich individualisieren und Ersatzteile können bei Bedarf erneut gefertigt werden.

Kleinserien können ohne eigenes Spritzgusswerkzeug entstehen – und in vielen Fällen liegt die beste Lösung sogar in der Kombination aus 3D-Druck, Fräsen, Carbon und anderen klassischen Fertigungsverfahren.

Die wichtigste Frage lautet nicht: „Was können wir 3D-drucken?“ Sondern: „Wo macht 3D-Druck unser Produkt oder unseren Prozess besser?“
Arthurs Takeaways

Was aus der vierten Folge hängen bleibt

Die Folge zeigt sehr deutlich, dass MJF längst über Prototyping hinausgeht. Entscheidend bleibt aber immer, ob additive Fertigung für die konkrete Anwendung einen messbaren Nutzen schafft.

01
Anwendung vor Technologie.

Die Frage ist nicht, was sich drucken lässt, sondern wo MJF Produkt oder Prozess tatsächlich verbessert.

02
Funktionsintegration schafft Mehrwert.

Kanäle, Befestigungen und weitere Funktionen können direkt in Bauteile integriert werden.

03
Nicht jedes Bauteil muss komplett gedruckt werden.

Hybridlösungen aus MJF, CNC, Carbon und klassischen Komponenten können die bessere Lösung sein.

04
Individualisierung ist ein starker Hebel.

Orthesen, Consumer-Produkte und kundenspezifische Geometrien profitieren von werkzeugloser Fertigung.

05
Wirtschaftlichkeit ist mehr als Stückpreis.

Werkzeugkosten, Varianten, Lieferzeit, Lagerhaltung und spätere Ersatzteile gehören in die Gesamtbetrachtung.

Fabian Schuster von HP bei AdditiveTalk
Der Gast

Fabian Schuster

Fabian Schuster ist Application Engineer bei HP Additive Manufacturing Solutions und beschäftigt sich mit industriellen Anwendungen rund um HP Multi Jet Fusion. Sein Fokus liegt darauf, Bauteile, Prozesse und Materialien so auszulegen, dass additive Fertigung technisch sinnvoll und wirtschaftlich eingesetzt werden kann.

Diese Praxisnähe prägt auch das Gespräch bei AdditiveTalk – mit konkreten Einblicken in Serienfertigung, Bauteiloptimierung, Individualisierung und industrielle MJF-Anwendungen.

Fabian auf LinkedIn ↗
Noch nicht gehört?Die komplette vierten AdditiveTalk-Folge findest du auf Spotify und YouTube.

Du hast selbst eine Anwendung oder Erfahrung für AdditiveTalk?

Du arbeitest mit additiver Fertigung, hast einen Prozess aufgebaut oder eine Anwendung umgesetzt, über die mehr gesprochen werden sollte? Dann bring deine Perspektive mit zu AdditiveTalk und sprich mit Arthur über deine Erfahrungen.

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