3D-Druck in der Orthopädietechnik: Wie digital wird das Sanitätshaus?
AdditiveTalk #1 mit Arthur Kopp und Dominik Heinz von druckerfachmann.de
Wie wird aus einem 3D-Drucker eine industrielle Fertigung? Wann lohnt es sich, Bauteile über einen 3D-Druck-Dienstleister produzieren zu lassen – und wann ist der Punkt erreicht, an dem eine eigene Anlage wirtschaftlich sinnvoll wird?
Genau mit diesen Fragen begann die erste Folge von AdditiveTalk. Arthur Kopp und Dominik Heinz treffen sich im 3D-Showroom von druckerfachmann.de in Berlin und sprechen darüber, wie sich industrielle additive Fertigung strategisch aufbauen lässt. Dabei bringen beide unterschiedliche Perspektiven mit: Arthur aus Sicht eines 3D-Druck-Dienstleisters, der sich vom reinen Bauteilfertiger zum Lösungs- und Projektpartner entwickelt hat, und Dominik aus Sicht eines Technologiepartners, der Unternehmen bei der Auswahl und Einführung eigener additiver Fertigungssysteme begleitet.
Die Folge ist damit weniger eine Diskussion über einzelne Maschinen als eine über Anwendungen, Wirtschaftlichkeit, Qualität und Prozesse. Denn eine der zentralen Aussagen zieht sich durch das gesamte Gespräch: Ein 3D-Drucker lohnt sich nicht, weil die Technologie interessant ist. Er lohnt sich dann, wenn geeignete Anwendungen vorhanden sind und daraus ein stabiler Business Case entsteht.

Vom 3D-Druck-Dienstleister zum Lösungsanbieter
Arthur beschreibt in der Folge, wie KIT3D ursprünglich klassisch mit der Fertigung einzelner 3D-Druck-Bauteile gestartet ist. Mit zunehmender Erfahrung hat sich der Schwerpunkt jedoch verschoben. Statt lediglich eine Datei entgegenzunehmen und ein Bauteil zu drucken, geht es heute stärker darum, komplette Projekte gemeinsam mit Kunden umzusetzen – von Engineering und Bauteiloptimierung über Fertigung und Qualitätssicherung bis zur Vorserie und Serienproduktion.
Genau hier sehen Arthur und Dominik einen wichtigen Unterschied zwischen einfachem Drucken und industrieller additiver Fertigung. Der Mehrwert eines professionellen Dienstleisters entsteht nicht nur durch die vorhandenen Maschinen. Entscheidend ist das Wissen darüber, welches Verfahren zur jeweiligen Anwendung passt, wie das Bauteil konstruiert werden sollte und wie sich ein reproduzierbarer Produktionsprozess aufbauen lässt. Für einen Kunden kann das bedeuten, dass SLS für die eine Anwendung sinnvoll ist, SLA für eine andere und MJF für eine wiederkehrende Serie. Die Technologie folgt der Anforderung des Bauteils und nicht umgekehrt.
Dieses Denken findet sich auch heute sehr deutlich in den Inhalten von druckerfachmann.de wieder. Dort wird bei der Auswahl eines Dienstleisters nicht nur auf Druckpreis und Geschwindigkeit verwiesen, sondern auch auf Materialwahl, Nachbearbeitung, Qualitätssicherung und die Frage, ob ein Anbieter ehrlich von ungeeigneten Anwendungen abrät
Nicht jeder 3D-Drucker passt zu jedem Bauteil
Ein Thema, das Arthur und Dominik schon in dieser ersten Folge sehr deutlich ansprechen, ist die falsche Erwartung, dass eine einzige 3D-Druck-Technologie praktisch jede Anwendung lösen könne.
Arthur berichtet von Unternehmen, die bereits schlechte Erfahrungen mit additiver Fertigung gesammelt haben, weil ein grundsätzlich geeignetes Verfahren für das falsche Bauteil eingesetzt wurde.
Statt einfach eine Datei zu übernehmen, sollte deshalb zuerst die Anwendung analysiert werden. Muss das Bauteil druckdicht sein? Welche Bohrungsdurchmesser werden benötigt? Wie groß ist das Teil? Welche mechanischen Eigenschaften sind erforderlich? Welche Stückzahlen sollen produziert werden und welche Oberfläche erwartet der Kunde? Erst daraus ergibt sich die passende Fertigungsstrategie.
Auch FDM wird im Gespräch bewusst nicht schlechtgeredet. Große, voluminöse Betriebsmittel oder Vorrichtungen können genau dort hervorragend aufgehoben sein, während für andere Anforderungen ein professionelles Pulverbett- oder Resinverfahren sinnvoller ist. Dominik fasst den Ansatz im Gespräch entsprechend zusammen: Entscheidend ist die Applikation und die Vielzahl der Bauteile, bevor die Frage beantwortet wird, welche Technologie oder Anlage sinnvoll ist.
Damit wird aus der Frage „Welcher 3D-Drucker ist der beste?“ eine wesentlich sinnvollere Frage: „Welches Verfahren löst meine konkrete Fertigungsaufgabe am besten?“
Dienstleister oder eigene 3D-Druckanlage?
Damit kommt die Folge zu einer Frage, die auch heute für viele Unternehmen relevant ist: Soll die additive Fertigung intern aufgebaut oder an einen 3D-Druck-Dienstleister ausgelagert werden?
Arthur und Dominik geben darauf bewusst keine allgemeingültige Antwort. Wer nur gelegentlich Bauteile benötigt, verschiedene Verfahren einsetzen möchte oder zunächst Erfahrung sammeln will, kann über einen spezialisierten Dienstleister Zugang zu Technologie und Know-how erhalten, ohne direkt eine eigene industrielle Fertigung aufzubauen. Wer dagegen regelmäßig große Mengen ähnlicher Anwendungen benötigt, kurze interne Reaktionszeiten braucht oder sensible Daten nicht aus dem Unternehmen geben möchte, kann irgendwann an den Punkt kommen, an dem eine eigene Anlage strategisch sinnvoller wird.
Entscheidend ist aber, diese Investition nicht aus Begeisterung für die Maschine zu treffen. Arthur beschreibt in der Folge, dass die Entscheidung für das eigene MJF-System gemeinsam mit Dominik und seinem Team über einen längeren Zeitraum vorbereitet wurde. Bauteile, Rahmenverträge, Auslastung, Packstrategien, Nachbearbeitung und Kosten wurden analysiert, bevor die Investition umgesetzt wurde. Gegen Ende der Folge fasst Arthur die Logik sehr klar zusammen: Eine Anlage rentiert sich nicht, weil sie interessant aussieht, sondern weil die passenden Anwendungen vorhanden sind.
Genau diese Denkweise verfolgt Druckerfachmann auch heute öffentlich. Statt den Kauf einer Maschine als Selbstzweck darzustellen, wird die Entscheidung zwischen Dienstleister und Inhouse-Produktion anhand von Nutzung, Kosten, Know-how und strategischen Anforderungen bewertet.
Die erste AdditiveTalk-Folge mit Dominik Heinz
3D-Druck ergänzt Fräsen, Drehen und Spritzguss
Eine Aussage aus dieser ersten Folge findet sich auch in vielen späteren AdditiveTalk-Gesprächen wieder: Nicht alles muss 3D-gedruckt werden.
Arthur kritisiert im Gespräch die Vorstellung, additive Fertigung müsse klassische Verfahren vollständig ersetzen. Drehen, Fräsen, Schleifen oder Spritzguss bleiben für viele Anwendungen technisch und wirtschaftlich die richtige Lösung. 3D-Druck ergänzt diese Verfahren dort, wo seine spezifischen Vorteile benötigt werden – beispielsweise bei geringen Stückzahlen, komplexen Geometrien, kurzen Lieferzeiten, Varianten oder Funktionsintegration.
Gerade eine ehrliche Bauteilbewertung kann deshalb auch mit dem Ergebnis enden: Dieses Teil sollte nicht gedruckt werden. Arthur beschreibt genau diese Situation aus Kundengesprächen. Ein potenzieller Auftrag wird bewusst nicht additiv umgesetzt, wenn Fräsen, Drehen oder ein Blechbauteil die bessere Lösung darstellt. Für ihn entsteht dadurch kein verlorenes Projekt, sondern Vertrauen und die Chance, gemeinsam die tatsächlich passende Anwendung zu finden.
Interessanterweise verwendet Dominik dieselbe Logik bis heute in seinen Artikeln: Ein guter 3D-Druck-Serviceanbieter sollte auch sagen können, wenn additive Fertigung für eine konkrete Anwendung nicht die beste Wahl ist.
Was Arthur aus dem Gespräch mit Dominik Heinz mitnimmt
Rückblickend ist diese erste AdditiveTalk-Folge fast eine Grundlage für viele Themen, die später im Podcast immer wieder auftauchen. Anwendung vor Technologie, Wirtschaftlichkeit vor Begeisterung, reproduzierbare Prozesse statt einzelner schöner Bauteile und partnerschaftlicher Wissenstransfer statt Blackbox-Fertigung.
Arthur beschreibt im Gespräch sehr offen, wie KIT3D gemeinsam mit Dominik und dem Team von druckerfachmann.de den eigenen nächsten Produktionsschritt vorbereitet hat. Über Monate wurden Bauteile getestet, Kalkulationen erstellt, Benchmarkteile gefertigt und Fragen zur Nachbearbeitung und zum Produktionsprozess geklärt. Daraus entstand nicht einfach die Entscheidung für eine Maschine, sondern ein langfristig geplanter Fertigungsprozess.
Gleichzeitig zeigt die Folge, warum Dienstleister und eigene Fertigung keine Gegensätze sein müssen. Ein Unternehmen kann intern Prototypen fertigen und Serien extern beziehen. Es kann zunächst mit einem Dienstleister Erfahrungen sammeln und später eigene Kapazitäten aufbauen. Oder es kann bewusst dauerhaft auslagern, um sich auf Entwicklung und Endmontage zu konzentrieren. Welche Variante richtig ist, entscheidet nicht die Technologie, sondern die Strategie des Unternehmens.
Der wichtigste Gedanke bleibt deshalb auch heute aktuell: Erst die Anwendung und den Business Case verstehen – danach entscheiden, ob Dienstleister, eigene Anlage oder eine Kombination aus beiden der richtige Weg ist.
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Du arbeitest selbst mit additiver Fertigung, hast eine spannende Anwendung umgesetzt oder beschäftigst dich mit einem Thema, über das mehr gesprochen werden sollte?
Dann bring deine Perspektive mit zu AdditiveTalk und sprich mit Arthur über deine Erfahrungen.
