Der Podcast über industriellen 3D-Druck und additive Fertigung

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Vom Rohteil zum Endprodukt: Warum Postprocessing im industriellen 3D-Druck entscheidend ist

AdditiveTalk #06 bei DyeMansion – Arthur Kopp im Gespräch mit Emil Wörgötter

Wann ist ein 3D-gedrucktes Bauteil eigentlich fertig?
Direkt nach dem Druck? Nach dem Entpulvern? Nach dem Strahlen?
Oder erst dann, wenn Oberfläche, Farbe und Funktion exakt zu der späteren Anwendung passen? 

Für diese Folge von AdditiveTalk ist Arthur Kopp gemeinsam mit seinem Kollegen nach München zu DyeMansion gereist. Dort spricht er mit Emil aus dem Application Consulting über einen Prozessschritt, der im industriellen 3D-Druck häufig unterschätzt wird: das Postprocessing von SLS- und MJF-Bauteilen.
Denn gerade bei pulverbasierten 3D-Druckverfahren kommt ein Bauteil zunächst als Rohteil aus dem Prozess. Pulverreste müssen entfernt werden und je nach Anwendung folgen weitere Schritte wie Verdichtungsstrahlen, Färben oder chemisches Glätten.

In der Folge wollen Arthur und Emil deshalb nicht nur zeigen, welche Verfahren es gibt. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Nachbearbeitung benötigt ein Bauteil wirklich, damit daraus ein funktionales, reproduzierbares und hochwertiges Endprodukt wird?

Warum ein 3D-gedrucktes Bauteil nach dem Druck oft noch nicht fertig ist

Gleich zu Beginn der Folge bringt Arthur die zentrale Frage auf den Punkt: Was macht ein 3D-gedrucktes Bauteil eigentlich zu einem fertigen Endprodukt?
Gerade bei SLS und Multi Jet Fusion beginnt nach dem eigentlichen Druckprozess ein weiterer wichtiger Teil der Prozesskette.

Das Bauteil wird zunächst aus dem Pulverbett entnommen. Auf der Oberfläche befinden sich noch Pulverreste, die entfernt werden müssen. Erst danach lässt sich entscheiden, welche weiteren Anforderungen die Anwendung stellt.

Emil erklärt, dass das Postprocessing im industriellen 3D-Druck deshalb weit mehr als eine rein optische Veredelung ist. Bei vielen Serienprodukten entscheidet die Nachbearbeitung darüber, ob das Bauteil die gewünschte Oberfläche erhält, gereinigt werden kann, Flüssigkeiten standhält oder überhaupt dauerhaft in seiner vorgesehenen Anwendung funktioniert.
Dabei muss nicht jedes Bauteil maximal nachbearbeitet werden.
Ein internes Betriebsmittel kann möglicherweise bereits nach dem Entpulvern und Strahlen eingesetzt werden. Ein hochwertiges Sichtteil, eine Orthese oder ein Bauteil mit integrierten Fluidkanälen stellt dagegen völlig andere Anforderungen.
Genau deshalb geht es in der Folge immer wieder um die Anwendung.
Nicht jedes Bauteil braucht jedes Postprocessing – aber jedes Bauteil braucht genau die Oberfläche, die seine spätere Funktion verlangt.

Entpulvern, Verdichtungsstrahlen, chemisch Glätten und Färben: Was passiert beim Postprocessing?

Arthur geht mit Emil Schritt für Schritt durch die wichtigsten Verfahren der 3D-Druck-Nachbearbeitung.

Der erste notwendige Schritt bei pulverbasierten Verfahren ist die Reinigung. Das anhaftende Pulver muss vom Bauteil entfernt werden. DyeMansion setzt dafür automatisierte Strahlprozesse ein, bei denen das Pulver von der Oberfläche getrennt wird, ohne gezielt Bauteilmaterial abzutragen.

Interessant wird es beim Verdichtungsstrahlen. Mit Kunststoffperlen kann nicht nur gereinigt, sondern gleichzeitig die Oberfläche mechanisch verdichtet und homogenisiert werden. Das Ergebnis wirkt gleichmäßiger und hochwertiger und ist weniger empfindlich gegenüber sichtbaren Kratzern oder unregelmäßigen Bereichen.  Der nächste Schritt ist das chemische Glätten von 3D-Druck-Bauteilen.
Hier wird die Oberfläche nicht mechanisch bearbeitet. Stattdessen kommt ein Lösemitteldampf zum Einsatz, der auf dem Bauteil kondensiert. Die obersten Polymerstrukturen werden dabei kurzzeitig mobilisiert und die Oberfläche schließt sich.

Dabei wird kein Material klassisch abgetragen. Es wird vielmehr innerhalb der Oberfläche umverteilt.
Das hat mehrere Auswirkungen: Porositäten können geschlossen, die Wasseraufnahme reduziert und die Reinigbarkeit verbessert werden. Auch bei dynamisch belasteten Bauteilen kann die Glättung einen funktionalen Vorteil schaffen.
Ein weiterer großer Vorteil des Dampfprozesses liegt in komplexen Geometrien. Während ein Strahlmedium physikalisch von außen auf das Bauteil treffen muss, kann der Dampf auch schwer erreichbare Bereiche und interne Kanäle erreichen.
Und schließlich kommt das Färben von 3D-gedruckten Bauteilen hinzu. 

Gerade bei sichtbaren Endprodukten reicht ein technisch funktionierendes Bauteil häufig nicht aus. Farbe ist Teil der Produktqualität. Gleichzeitig muss sie bei Serienbauteilen reproduzierbar sein.
Deshalb geht es auch hier nicht einfach darum, ein Bauteil „irgendwie schwarz“ zu bekommen. Farbrezeptur, Oberflächenzustand, Beladung und vorherige Prozessschritte müssen kontrolliert werden, damit ein Bauteil auch bei wiederholter Produktion möglichst gleich aussieht.

Die komplette AdditiveTalk-Folge mit Emil von DyeMansion

Wann braucht ein Bauteil chemisches Glätten – und wann reicht Strahlen?

Eine der Fragen, die Arthur in der Folge besonders interessiert, begegnet auch regelmäßig in realen Kundenprojekten:
Wann ist welches Postprocessing überhaupt sinnvoll?

Denn eine glatte Oberfläche ist nicht automatisch besser als eine leicht strukturierte Oberfläche.

Beim Verdichtungsstrahlen bleibt eine gewisse Oberflächenstruktur erhalten. Das Bauteil wirkt homogener und hochwertiger, ohne dass die Geometrie stark verändert wird. Für viele industrielle Anwendungen ist das bereits genau der richtige Zustand.
Das chemische Glätten geht einen Schritt weiter: Die Oberfläche wird versiegelt und geglättet, wodurch sich vor allem bei Bauteilen Vorteile ergeben, die regelmäßig gereinigt werden müssen, Flüssigkeiten oder Luft führen oder dauerhaft äußeren Einflüssen ausgesetzt sind.

Besonders anschaulich zeigen Arthur und Emil das in der Folge beim sogenannten Kaffeetest. Ein unbehandeltes Bauteil nimmt Verschmutzungen stärker an der poröseren Oberfläche auf und lässt sich deutlich schwerer reinigen, während Flüssigkeit von einer chemisch geglätteten Oberfläche wesentlich besser abperlt und Rückstände einfacher entfernt werden können.
Damit wird aus einer zunächst optischen Veränderung ein funktionaler Vorteil.  Das gilt beispielsweise auch für Orthesen, Brillen, Greifer, Fluidbauteile oder Komponenten mit integrierten Kanälen.

Bei einer Orthese beeinflusst die Nachbearbeitung neben der Optik auch Reinigbarkeit, Flexibilität und den Eindruck beim Anwender, während bei einem Greifer mit integrierten Luftkanälen eine versiegelte Oberfläche für die Funktion entscheidend sein kann.
Genau daran wird deutlich, warum Postprocessing nicht einfach am Ende zusätzlich auf ein fertiges Bauteil gesetzt wird. Die Nachbearbeitung ist Teil der Bauteilentwicklung und sollte bereits bei Konstruktion und Auslegung berücksichtigt werden, insbesondere wenn Kanten, Schriften, Toleranzen oder filigrane Geometrien eine Rolle spielen.

Postprocessing in der Serie: Warum Reproduzierbarkeit wichtiger ist als „schön glatt“

Je stärker 3D-Druck in Richtung Serienfertigung geht, desto wichtiger wird die Reproduzierbarkeit. Ein einzelnes gut gefärbtes oder geglättetes Bauteil herzustellen, ist vergleichsweise einfach. In der industriellen Fertigung muss dieses Ergebnis jedoch bei hundert, tausend oder noch mehr Bauteilen möglichst konstant wiederholbar sein. Genau deshalb reicht es nicht aus, lediglich zu definieren, dass ein Bauteil „schwarz“ oder „glatt“ sein soll. Beim Färben beeinflussen unter anderem Farbstoffkonzentration, Anlagenbeladung und der Zustand der Oberfläche das spätere Ergebnis. Besonders helle Grau- oder Pastelltöne reagieren dabei empfindlicher auf Schwankungen als ein kräftiges Schwarz.
Ähnlich verhält es sich beim chemischen Glätten. Auch hier muss die Intensität zur Anwendung passen. Eine stärkere Glättung kann die Oberfläche deutlich reduzieren und versiegeln, gleichzeitig können sehr feine Kanten oder Schriftzüge an Schärfe verlieren. Wird dagegen nur eine leichte Versiegelung benötigt, ist eine maximal glatte Oberfläche nicht zwangsläufig sinnvoll. Deshalb wird im Gespräch auch deutlich, dass Oberflächenqualität messbar definiert werden sollte. Statt nur subjektiv von „rau“ oder „glatt“ zu sprechen, lassen sich konkrete Rauheitswerte festlegen und kontrollieren. Ein reproduzierbares Serienbauteil entsteht letztlich erst dann, wenn Druckprozess, Reinigung, Strahlen, Glätten und Färben als zusammenhängende Prozesskette betrachtet und aufeinander abgestimmt werden. Damit wird Postprocessing zu einem festen Bestandteil der industriellen 3D-Druck-Serienfertigung und nicht zu einem rein kosmetischen Schritt am Ende.

Wann lohnt sich Postprocessing im industriellen 3D-Druck wirklich?

Im Verlauf des Gesprächs stellt Arthur schließlich auch die wirtschaftliche Frage: Wann lohnt sich die Nachbearbeitung überhaupt? Emils Antwort folgt dabei derselben Logik wie beim 3D-Druck selbst: Die Anwendung muss den zusätzlichen Prozess rechtfertigen. Wenn ein Bauteil seine Aufgabe bereits als gestrahltes Rohteil vollständig erfüllt, kann ein zusätzliches chemisches Glätten tatsächlich nur eine optische Veredelung sein. Anders sieht es aus, wenn das Postprocessing eine konkrete Funktion ermöglicht oder verbessert. Ein geglätteter interner Kanal kann beispielsweise die Integration mehrerer Funktionen in einem Bauteil unterstützen, eine versiegelte Oberfläche kann die Reinigung erleichtern und eine reproduzierbare Färbung kann aus einem technischen Rohteil ein hochwertiges Sicht- oder Serienprodukt machen. Entscheidend ist deshalb nicht nur der Preis des einzelnen Nachbearbeitungsschritts, sondern der Gesamtwert der Anwendung.
Besonders deutlich wird das in der Folge bei Anwendungen aus der Lebensmittelproduktion sowie bei Themen wie Biokompatibilität und Lebensmittelkontakt. Emil macht hier klar, dass geprüfte Materialien, Lösemittel oder Prozessschritte zwar eine wichtige Grundlage schaffen, aber nicht automatisch bedeuten, dass jedes daraus hergestellte Bauteil für die jeweilige Anwendung zertifiziert ist. Am Ende muss immer die gesamte Prozesskette betrachtet werden – vom Rohmaterial über Druck, Reinigung und Nachbearbeitung bis zum konkreten Einsatz des Endprodukts. Genau darin liegt professionelles Postprocessing: nicht möglichst viele Bearbeitungsschritte einzusetzen, sondern genau die Prozesse auszuwählen und kontrolliert umzusetzen, die das Bauteil für seine reale Anwendung benötigt.

Was Arthur aus dem Gespräch mit Emil von DyeMansion mitnimmt

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Folge ist, dass die Qualität eines additiv gefertigten Bauteils nicht am Ausgang des 3D-Druckers endet.

Gerade bei SLS und MJF besteht das fertige Produkt aus einer gesamten Prozesskette: Drucken, Entpulvern, Reinigen, Oberflächenbearbeitung, gegebenenfalls Glätten und schließlich Färben.

Welche dieser Schritte notwendig sind, entscheidet aber nicht die Technologie – sondern die Anwendung.
Ein einfaches Betriebsmittel benötigt vielleicht nur eine saubere, robuste Oberfläche. Ein Sichtteil muss optisch überzeugen. Eine Orthese muss sich angenehm tragen und reinigen lassen. Ein Bauteil mit internem Kanal muss möglicherweise luft- oder flüssigkeitsführend funktionieren. 

Genau deshalb wird Postprocessing im industriellen 3D-Druck so wichtig.
Aus dem Drucker kommt das Bauteil. Durch den richtigen Prozess danach entsteht das Endprodukt.
Für Arthur zeigt die Folge außerdem, wie wichtig es ist, Nachbearbeitung bereits früh in einem Kundenprojekt mitzudenken. Denn Oberfläche, Toleranzen, Reinigbarkeit, Farbe und spätere Belastung sind keine Themen, die erst am Ende der Fertigung auftauchen sollten.
Sie gehören zur Anwendung – und damit bereits an den Anfang der Bauteilentwicklung.

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